Was hilft, wenn Kin­der Wachs­tums­schmer­zen ha­ben

Kinder wollen so schnell wie möglich groß werden. Das kann unter Umständen auch wehtun. Denn Wachstumsschmerzen sind bei Kindern und Jugendlichen keine Seltenheit. Aber sie sind harmlos, wenn Eltern richtig damit umgehen.

Ab ins Bett. Den Schlafanzug anziehen, Zähne putzen und unter die Decke kuscheln. Papa liest noch eine Geschichte vor. Dann: Gute Nacht. Eigentlich. Wenn da nicht diese dumpfen Schmerzen in den Beinen wären. Viele Kinder und Jugendliche leiden unter Wachstumsschmerzen. Zwar sind sie immer noch unzureichend erforscht, aber Ärzte wissen um ihre Symptome und Besonderheiten.

Das Wichtigste vorab: Für Eltern und Kinder gibt es keinen Grund zur Besorgnis, sagt Dr. Arne-Björn Jäger, Oberarzt aus Trier und Mitglied im Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). In diesem engagiert er sich seit vielen Jahren für die Kinder-Präventivkampagne „Aktion Orthofit“, die Kindern Spaß an gesunder Bewegung vermitteln möchte.

Typische Symptome

Bei Wachstumsschmerzen treten „die Beschwerden meist an der unteren Extremität außerhalb der Gelenke auf“, erklärt Jäger. Typisch sind brennende, ziehende oder klopfende Schmerzen in beiden Beinen. Genauer: in den Waden, Kniekehlen, Schienbeinen oder an den Vorderseiten der Oberschenkel, aber nicht an den Gelenken selbst. „Eine punktuelle Lokalisation kann oft nicht angegeben werden“, weiß der Arzt. Auch schmerzen die Beine eher unregelmäßig. Dann aber zu einer bestimmten Tageszeit: „Häufig treten die Beschwerden am späten Nachmittag, abends oder nachts auf.“

Es ist oft sogar so, dass am nächsten Morgen die Schmerzen wie weggeblasen sind und das Kind sich wieder uneingeschränkt bewegen kann. So als wäre nie etwas gewesen. Eltern haben deshalb häufig das Gefühl, sie hätten es mit einem Phantom zu tun.

Dabei sind Wachstumsschmerzen in der Orthopädie ein häufiges Erscheinungsbild. „Wachstumsschmerz wird seit ca. 150 Jahren in der Orthopädie beschrieben.“ Jäger sagt, sie könnten jedes Kind mehr oder weniger häufig treffen. „Die typische Altersgruppe ist in der Phase nach Einsetzen der Pubertät bis zum Wachstumsabschluss.“ Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte geht davon aus, dass bis zu einem Drittel der Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren davon betroffen sind.

Woher die Wachstumsschmerzen kommen

Aber was genau sind die Ursachen? Das kann bislang niemand endgültig beantworten. Denn auf Röntgenaufnahmen und bei der Magnetresonanztomografie lässt sich nichts erkennen. Und auch bei Blut- und weiteren Laborwerten gibt es keinerlei Auffälligkeiten. „In der Theorie können Wachstumsschmerzen durch rasches Wachstum oder auch durch Überlastungen entstehen“, sagt Jäger. „Die Hormonschübe können dafür ausschlaggebend sein.“ Nachts bildet der junge Körper vermehrt Wachstumshormone, die den Wachstumsprozess beschleunigen. Einige Experten vermuten, dass Weichteile langsamer wachsen als Knochen. Das sorge dafür, dass die Knochenhaut bei einem Wachstumsschub unter Spannung gerät. Und das schmerzt.

„Auch Stress hat auf die Hormonausschüttung Einfluss“, gibt Jäger zu bedenken. „Und ein unregelmäßiger und unzureichender Schlaf, der die Regeneration und das Wachstum negativ beeinflusst, wird auch diskutiert.“ Nicht zu vernachlässigen sei außerdem der sekundäre Schmerzgewinn mit vermehrter Aufmerksamkeit und Zuwendung. Heißt: Schenken Eltern ihren Kindern schon früh bei kleinen Wehwehchen übertrieben viel Aufmerksamkeit, reagiert das Kind zunehmend sensibel auf Schmerzen – und diese können sich viel schlimmer anfühlen, als sie eigentlich sind.

Was Eltern bei Wachstumsschmerzen für ihre Kinder tun können

Wachstumsschmerzen sind also kein Phantom, sondern sehr real. Einen Grund zur Panik gibt es aber nicht. „Diese Beschwerden sind selbstlimitierend und spätestens nach Ende des Wachstums verschwunden“, beruhigt Jäger. Auch wenn es eine Therapie im klassischen Sinne nicht gibt, können Eltern die schmerzenden Stellen zumindest mit Salben einreiben und massieren. Auch eine Wärmflasche oder ein Kühlpack können helfen. Wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder beruhigen. Und „unterstützend kann Physiotherapie verordnet werden“, sagt Jäger.

Wann man bei Wachstumsschmerzen zum Arzt sollte

Solange es bei den für Wachstumsschmerzen typischen, ein wenig geisterhaften Symptomen bleibt, besteht kein Grund für Unruhe. Aber: „Eltern sollten bei jedem unerklärbaren länger andauernden Schmerz den Arzt aufsuchen“, rät Jäger. Auch wenn neben den oben beschriebenen Schmerzen Schwellungen, Rötungen, sogar Fieber und Übelkeit auftreten, sollten Eltern reagieren und einen Arzttermin vereinbaren. Diese Symptome sind nicht typisch für Wachstumsschmerzen und können unter anderem auf Entzündungen hindeuten.

Beim Arzt ist „die Abgrenzung von orthopädischen Erkrankungen der erste und wichtigste Schritt“, erklärt Jäger. Denn Wachstumsschmerzen können nur per Ausschlussverfahren diagnostiziert werden. Erst wenn andere, schwerwiegende Erkrankungen wie rheumatische Erkrankungen, Knochentumore, Knocheninfektionen oder unbemerkte Knochenverletzungen, die allesamt ähnliche Symptome verursachen, ausgeschlossen werden können, können sich Eltern sicher sein, dass ihr Kind unter Wachstumsschmerzen leidet. Und aus den wachsen Kinder früher oder später raus.

Autorin: Julia Fahl

Erschienen auf: https://www.fitmacher.de/