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2. Dezember 2019

Mens sana in corpore sano

Die Orthopädie ist das medizinische Fach, das sich traditionsgemäß den Erkrankungen der Haltungs- und Bewegungsorgane widmet. „Die Kunst bei den Kindern die Ungestaltheiten des Leibes zu verhüten und zu verbessern“ – so beschrieb der geistige Vater der Orthopädie, der französische Arzt Nicolas Andry, die Inhalte seines Faches im Jahre 1741 in einer medizinischen Abhandlung. Ganz im Sinne der Aufklärung forderte Andry eine natürliche Erziehung der Kinder, damit sich deren Körper und Geist ohne Einengung entfalten könnten.

Da Kindererziehung zu Andrys Zeiten gern mit der Aufzucht von Pflanzen verglichen wurde, wurde das an einem Pfahl befestigte, krumme Bäumchen zum Sinnbild der Orthopädie (vom griechischen orthos = gerade, und pais = Kind).

Die Haltung der Menschen zu wahren ist in diesem Sinne die ureigenste Aufgabe der Orthopädie. Orthopäden könnten und sollten im Verbund mit anderen Facharztgruppen Strategien entwickeln, um dem zunehmenden Verfall des Halte- und Bewegungsapparates Einhalt zu gebieten.

Die Natur hat uns Menschen als Lauftiere konstruiert. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten die Menschen zu 90 Prozent kraft ihrer Muskeln. Heute müssen sie nur knapp ein Prozent ihrer Muskelkraft in ihren täglichen Arbeitsablauf einbringen – den Rest übernehmen Maschinen und Computer. Erwachsene sitzen im Schnitt 15 Stunden täglich; acht Stunden verbringen wir schlafend. Bleibt nur etwa Stunde, in der wir aktiv unsere Muskeln bewegen. Für unseren Körper ist diese Bewegungsstarre die Höchststrafe.

Kinder sitzen zu viel

Um so schlimmer wird es, wenn wir unsere Kinder in unseren eigenen bewegungsarmen Alltag hineindrängen. Alle neueren Studien zeigen einen dramatischen Haltungsverfall. So hat sich der prozentuale Anteil von Haltungsschäden in den vergangenen 50 Jahren von 20 auf 40 Prozent verdoppelt. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Kinder viel zu lange sitzen – in der Schule, über den Hausaufgaben, vor dem Computer und dem Fernseher. Zu wenig Bewegung führt zu einer Verminderung der Muskelmasse und zu nachlassenden koordinativen Fähigkeiten. Schulkinder schaffen es heute durchschnittlich nur noch 20 Sekunden, im Einbeinstand zu stehen. Und es gibt sogar Kinder, die nicht rückwärts laufen können!

In den USA hat man mittlerweile begonnen, Body-Building-Studios in die Schulen zu integrieren. Einen ganz ähnlichen Vorschlag hat kürzlich die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Ute Schäfer in die Diskussion eingebracht. Bedenkenswert, denn nur ausreichende Muskelkraft und eine gut entwickelte Koordination gewährleisten, dass unsere Kinder eine ausgeglichene Motorik entwickeln können. Und die steht letztlich auch im Zusammenhang mit ihren geistigen Fähigkeiten. Bei den Diskussionen um die schlechten Ergebnisse der PISA-Studie wird sich leider zu sehr auf die Leistungen in den Fächern wie Mathematik und Deutsch konzentriert; eine ausreichende sportliche Förderung der Kinder wäre jedoch eine der Grundvoraussetzung dafür, dass sie sich besser auf theoretische Zusammenhänge konzentrieren und diese auch behalten könnten. Dies gilt mittlerweile als erwiesen. Warum vor diesem Hintergrund gerade in der Grundschule der Sportunterricht sehr häufig von fachfremden Lehrern erteilt wird und oft ausfällt, ist nicht nachvollziehbar. Ganz zu schweigen davon, dass sportliche Betätigung Kindern ein sehr positives Selbstgefühl und Selbstbewusstsein zu vermitteln mag, letztlich also indirekt auf das Funktionieren unserer Gesellschaft wirkt.

Nur jedes zehnte Kind ist haltungsgesund

Wir haben die Haltung von 250 Jugendlichen zwischen zwölf und 14 Jahren dem „Haltungstest nach Matthias“ (siehe unten) unterzogen. Die Ergebnisse sind bedenklich: Nur 25 konnten wir als haltungsgesund einstufen. Den anderen gelang es nur mit Hilfestellung, unserer Aufforderung nachzukommen, eine gerade Körperhaltung einzunehmen. Grund: eine Verformung der Wirbelsäule. Die normale S-Form der Wirbelsäule entsteht durch eine Krümmung im Brustbereich nach hinten, die als „Kyphose“ bezeichnet wird. Die zweite, nach vorn gerichtete Krümmung befindet sich im Lendenbereich und heißt „Lordose“. Eine zu starke Kyphose ist eine „Hyperkyphose, leichter verständlich als Rundrücken. Eine zu starke Krümmung im Lendenbereich ist eine „Hyperkyphose“ – oder schlicht ein Hohlkreuz. Rundrücken und Hohlkreuz entstehen, wenn die Bauch- und Rückenmuskulatur zu schwach sind, um die Wirbelsäule in ihrer natürlichen, leicht geschwungenen S-Form zu halten.

Dieses Ergebnis vor Augen, erscheint es heute wichtiger denn je, einfache Messverfahren zu entwickeln, um Haltungsstörungen frühzeitig aufdecken und entsprechende Bewegungsangebote unterbreiten sowie Therapieansätze verwirklichen zu können. Als Messverfahren hat sich beispielsweise die dreidimensionale Wirbelsäulenvermessung bewährt.

Haltungstest nach Matthias

Um herauszufinden, ob die Rückenmuskulatur stark genug ist, kann der Orthopäde das Kind einem Haltungstest nach Matthias unterziehen. Ein Kind (oder auch ein Erwachsener) gilt als haltungsgesund, wenn es aufrecht stehend die Arme länger als eine halbe Minute ausgestreckt nach vorne gehoben halten kann. Keine schwierige Sache, eigentlich.

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